Lebenslange Dyskalkulietherapie?

7 / 100

Bei Dyskalkulie umfasst die therapeutische Unterstützung mehrere  Dimensionen, die über die bloße Vermittlung von mathematischen Fähigkeiten hinausgehen. Neben den Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen spielt ein ganzheitlicher Ansatz eine entscheidende Rolle. Hierbei sind vier zentrale Aspekte von Bedeutung:

die Stabilisierung im Persönlichkeitsbereich

die Kompensation im Leistungsbereich

die Elternarbeit sowie die Unterstützung im familiären Umfeld und

die Zusammenarbeit mit der Schule.

Lerntherapie ist ein umfassender Prozess, dessen Dauer stark von der Schwere der Schwierigkeiten beim Erlernen dieser grundlegenden Fähigkeiten abhängt. Die Zeitspanne einer Lerntherapie kann daher variieren und ist von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung wird nicht nur auf das Erlernen grundlegender Fertigkeiten geachtet, sondern auch an der sogenannten Null-Fehler-Grenze gearbeitet. Dies hilft, sowohl Überforderung als auch Unterforderung zu vermeiden und dem Verlust an Motivation entgegenzuwirken. Der Fokus liegt darauf, kleine Schritte zu identifizieren, die der Schüler gut bewältigen kann – das Motto lautet: „Das kann ich schon.“ Auf diese Weise lernt der Schüler, besser mit seinen Herausforderungen umzugehen und seine Stärken in den Vordergrund zu rücken.

Ein häufiges Thema in diesem Kontext sind die Risikofaktoren, die mit Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwächen verbunden sind. Eltern stellen sich oft Fragen wie: Wird mein Kind jemals in der Schule erfolgreich sein? Benötigt es dauerhaft eine Lerntherapie? Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass es neben diesen Risikofaktoren auch Resilienzfaktoren gibt, die den Verlauf von Lernschwierigkeiten positiv beeinflussen können. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Schülers, sich schnell von negativen Erfahrungen zu erholen. Diese Fähigkeit ist nicht angeboren; Kinder können in bestimmten Phasen resilient sein und in anderen verletzlicher.

Um Schüler mit Rechenschwäche auf mehreren Ebenen zu stärken, ist es entscheidend, sowohl individuelle Schutzfaktoren als auch äußere Einflüsse aus Schule und Familie zu berücksichtigen. Ein unterstützendes Umfeld hilft ihnen dabei, besser mit ihren Schwierigkeiten umzugehen.

Die Resilienzfaktoren lassen sich in drei Hauptkategorien unterteilen:

  1. Individuelle Faktoren des Kindes umfassen Selbsthilfefähigkeiten, ein positives Selbstwertgefühl, die Fähigkeit zur Distanzierung sowie hohe Sprachfertigkeit.
  2. Familiäre Faktoren beinhalten eine positive Lernumgebung, spielerische Frühförderung und einen positiven Umgang mit mathematischen Themen ohne Druck.
  3. Umweltfaktoren beziehen sich auf spielerische Frühförderung im Kindergarten, ein positives Lernklima durch Anerkennung und Unterstützung sowie die Gewährung von Nachteilsausgleich in Schulen. Auch qualitativ hochwertiger Mathematikunterricht zur Förderung des Zahlenverständnisses sowie Offenheit seitens der Lehrkräfte für Diagnosen wie Dyskalkulie oder Legasthenie spielen eine wichtige Rolle.

Diese Vielzahl an Einflussfaktoren macht es schwierig, eine pauschale Antwort auf die Frage „Wie lange dauert eine Lerntherapie?“ zu geben. Generell wird jedoch oft ein Zeitraum von 1 bis 2 Jahren angenommen. Ich möchte allen Eltern ans Herz legen: Ihr Kind hat das Potenzial, alles zu erreichen – Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Rechenschwäche sind keine unüberwindbaren Hindernisse.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Lerntherapie weit mehr beinhaltet als nur das Erlernen mathematischer Grundlagen oder das Üben des Leseverständnisses. Oft erlebe ich bereits in den ersten Therapiestunden signifikante Verbesserungen bei den Schülern sowie eine Entlastung für ihre Familien. Ein Beispiel dafür ist das Feedback einer Mutter, die mir wenige Stunden nach der zweiten Therapiestunde schrieb: Ihr Kind war zuvor oft demotiviert und hatte Mathe immer wieder aufgeschoben. Fast ein Jahr wartete die Familie auf einen Therapieplatz – dann kam dieses positive Feedback.

Die S3-Leitlinie zur Rechenstörung beschreibt treffend: „Das Ende einer Fördermaßnahme kann nicht vorab festgelegt werden; es orientiert sich am Behandlungsverlauf sowie an individuellen Veränderungen (z.B. Verringerung komorbider Symptome oder Änderungen in der familiären Situation). Die Maßnahme sollte erst enden, wenn sie für die spezifische Lebenssituation nicht mehr geeignet oder notwendig ist.“ Im besten Fall geschieht dies dann, wenn die Anforderungen in Schule und Alltag eigenständig bewältigt werden können.

Lebenslange Dyskalkulietherapie?

Eine lebenslange Therapie ist unwahrscheinlich; dennoch können Schüler langfristig von den erlernten Fähigkeiten profitieren.

0Shares